Der folgende Text beinhaltet den Wortlaut einer Rede, die die Kasseler Publizistin und Dramaturgin Verena Joos zur 50. Jahrfeier im Opernhaus am 17. April 1999 gehalten hat.

Ein Blick zurück und nach vorn

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Volksbühnenfamilie,

Eine Chronik der Volksbühne Kassel e.V. verspricht Ihnen der nächste Programmpunkt. Die Chronik - sie liegt, das sagt schon der Name, im Hoheitsgebiet von Schwager Chronos, dem Gott der messbaren Zeit. Ein solider Geselle ist dieser Chronos, verlässlich, berechenbar, aber bisweilen auch etwas eintönig, etwas - verzeihen Sie mir diesen umgangsprachlichen, aber wunderschön lautmalerischen Ausdruck - etwas dröge. Etwas langweilig. Und langweilen will ich Sie in der mir zur Verfügung stehenden Zeit nun durchaus nicht. Vielleicht ist es als gutes Omen, als Fingerzeig einer anderen Macht zu werten, dass dem Erstellen einer wirklich soliden Chronologie der Umstand entgegenwirkte, dass das Archiv der Volksbühne, das die Geschichte des Vereins seit den ersten Anfängen dokumentiert, verschollen ist. Ich war also auf Berichte von Zeit-Zeugen angewiesen. Und Zeit-Zeugen - in einem hässlichen Diktum eines Geschichtswissenschaftlers "die natürlichen Feinde des Historikers" - achten nicht so sehr auf das Messbare, das Objektive, den Zeitfluss. In ihrer Erinnerung hat sich Geschichte anders kristallisiert, subjektiv, nach Höhepunkten, nach persönlichen Vorlieben und Abneigungen. Subjektiv eben - aber darum beileibe nicht weniger wahrhaftig. Im Gegenteil. Zeit-Zeugen sind einem anderen Gott der Zeit zugeneigt: Sie sind die Jünger Kairos', des springlebendigen, munteren, emphatischen Gottes des rechten Augenblicks, der Sternstunde. Lassen Sie uns also, mit Kairos als Steuermann, eine abenteuerliche Kreuzfahrt durch fünfzig Jahre Volksbühne unternehmen, eine Zeitreise zu den Anfängen zunächst und damit auch zu einer äußerst lebendigen Theaterepoche, lassen Sie uns, je nach Gusto, einmal hier, einmal dort die Anker werfen, zuweilen ein weniger attraktives Inselchen weiträumig umschiffen, weit öfter aber bei malerischen Plätzen, bei epochemachenden Augenblicken länger verweilen. Lassen wir uns die Sternstunden des Theaters in dieser Zeit ebenso genüsslich zu Gemüte führen wie die besonderen Glücksmomente im Leben und in der Entwicklung des Vereins. Beides bedingt sich gegenseitig.

Lassen Sie mich zum Beginn gleichwohl das Rad der Geschichte noch um ein paar Jahrzehnte zurückdrehen. Lassen wir die Nordhessenmetropole einen Augenblick links liegen - eine Frage der Perspektive - und fliegen wir mit dem Zeppelin, dem jener Zeit gemäßen Luftbeförderungsmittel, nach Berlin, die Metropole der Weimarer Republik. Hier wird im Jahre 1920 der Verband der deutschen Volksbühnenvereine gegründet, der die Berliner Pioniere der Volksbühnenbewegung, die 1890 als Kultur- und Kampforganisation sozialdemokratischer Arbeiter ins Leben gerufene Freie Volksbühne und ihre seit 1892 bestehende Abspaltung, die Neue Freie Volksbühne, mit zunächst 14 Volksbühnenvereinen in anderen Städten zusammenschloss. In den folgenden Jahren dehnte sich die Organisation gewaltig aus. Sie umfasste 1930 über 300 örtliche Volksbühnengemeinden mit insgesamt über 500 000 Mitgliedern, die den Theaterbetrieben jährlich etwa 5 Millionen verkaufte Plätze und damit eine Einnahme von sieben bis acht Millionen Reichsmark sicherten. In Kassel, dessen Theater ja bis ins Jahr 1921 noch unter den Fittichen der Berliner Generalintendanz stand, bin ich bei meinen Nachforschungen nicht auf Spuren einer eigenen Volksbühnenorganisation gestoßen. Die Achse Berlin-Kassel mag aber auch volksbühnenmäßig wirksam gewesen sein.

Wir wollen uns das ursprüngliche Selbstverständnis der Volksbühne noch einmal vergegenwärtigen; es wird bei der Kasseler Gründung im Jahre 1949 in neuem sprachlichem Gewand, aber in Grundsatz, Geist und Engagement sich treu geblieben, eine gewichtige Rolle spielen. Dieses Selbstverständnis basiert auf der Verbindung zweier Aspekte: eines "konomisch-sozialen und eines künstlerisch-ideellen. Der "konomische zielt auf die Aufhebung des besitzbürgerlichen Kunstprivilegs: "Die Kunst dem Volke" hieß denn auch, griffig formuliert, das Motto des Verbandes. Das Handbuch der deutschen Volksbühnenbewegung, 1930 erschienen, legt über diesen Aspekt wie folgt Rechenschaft ab: "Zunächst musste die Volksbühne ihr erstes Streben auf die sozialen Bedingungen des Theaterbesuchs konzentrieren. Bedeutet doch eben diese soziale Frage einen der Hauptgründe für die seitherige Fernhaltung großer Volksschichten vom Theaterbesuch. Erstes Ziel war und blieb demnach die Verbilligung des Theaterbesuchs. Und sofort im Anschluss daran die Beseitigung aller Klassenmerkmale beim Theaterbesuch durch Einführung des einheitlichen Eintrittspreises. Beides geht Hand in Hand. Das ist das entscheidende Merkmal der Volksbühne im Vergleich mit allen anderen sogenannten Besucherorganisationen."

Das Abhobeln "konomischer Schwellen schuf also die formalen Voraussetzungen für die Volksbühnenbewegung. Doch in ihr lediglich einen wohlfeilen Theaterkartendiscounter für jedermann zu sehen, das verkennt wesentlich ihre inhaltlichen Ziele, die eine aktuelle Umformulierung der Ideale der frühbürgerlichen Nationaltheaterbewegung sind. Zitieren wir aus einer Werbedrucksache der Berliner Volksbühne, aus dem Jahr 1929: "Kein anderes künstlerisches Erlebnis vermag so wie eine gute Theatervorstellung die Gefühle in Schwingungen versetzen, unser Innerstes zu erschüttern, den Blick zu weiten und uns wahrhaft reicher zu machen; kein anderes künstlerisches Erlebnis ist auch in gleicher Weise imstande, unserem sozialen Streben neue Impulse zu geben, d.h. uns für hohe Ziele einer gesunden Neugestaltung der menschlichen Gesellschaft zu begeistern. Es gilt nur, für ein Theater zu sorgen, das sich seiner hohen kulturellen Mission bewusst ist und nicht bloß geschäftlichen Zwecken dient."

Worte aus dem Jahre 1929. Vier Jahre später gab es - wen wird dies wundern - keine Volksbühnen mehr. Noch ein wenig später gab es auch die Theater nicht mehr. Existenznot, Ungewissheit, Wohnungsnot, Hunger, der nackte Überlebenskampf tobte - und trotzdem begannen mit dem Ende des Krieges auch allenthalben die Bemühungen um den Neubeginn des kulturellen Lebens, zuvörderst des Theaterlebens. So auch in Kassel, einer der am stärksten zerstörten Städte Deutschlands. Die hier gegebene Situation war mit keiner Krise der bisherigen Theatergeschichte vergleichbar: Das alte Theatergebäude: zerstört. Der Fundus des Theaters: so gut wie vernichtet. Das Ensemble, wie fast überall in Deutschland: in alle Winde zerstreut; die Rechtsnachfolge des preußischen Staates und damit die Frage möglicher Zuschüsse: völlig ungeklärt. Und trotzdem geschah in dieser blessierten, dezimierten, schrecklich zugerichteten Stadt ein Wunder. Ein Theaterwunder. Dem Verständnis der amerikanischen Theateroffiziere einerseits, der ungeheuren kollektiven Energie von Theaterleitung und Ensemble andererseits, dem Engagement führender Politiker zum dritten ist es zu danken, dass nach mehreren Fehlversuchen endlich eine provisorische Spielstätte für das Theater im Exil gefunden werden konnte. Der Eingangsflügel der Stadthalle mit dem Vestibül und dem ebenfalls stark angeschlagenen "Blauen Saal" wurde nach mehreren Vorstößen des Intendanten Hans Carl Müller und seiner Mitarbeiter bei der Stadt für das Theater freigegeben und fungierte, ausgebaut nach den Plänen des technischen Direktors Hermann T. Möltgen, bis 1959 als Behelfstheater. Das Vestibül, in das eine Reliefbühne installiert wurde, diente dem Schauspiel als Domizil und wurde am 11. November 1945 programmatisch mit Goethes "Iphigenie auf Tauris" eröffnet; wenig später bezieht die Oper den Blauen Saal: Mit "Cosi fan tutte" öffnet sich hier der Premierenvorhang. Kassel hat wieder ein Theater.

Es ist eine dürftige, von Hunger und Entbehren der elementarsten materiellen Dinge geprägte Zeit, und es herrscht dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - ein großer Hunger nach geistiger Nahrung, nach ideeller Orientierung, nach Literatur und nach Stücken, die zwölf Jahre lang in Deutschland tabu gewesen sind, nach der Verbindung zum Draußen. Anneliese Hartleb hat mir das Aufbruchhafte und Abenteuerliche dieser frühen Theaterzeit plastisch geschildert - und ihre Erinnerung daran war noch so frisch, als sei es gestern gewesen. Da saß es, das Publikum, in dicke Mäntel gehüllt, auf entsetzlich unkommoden Bänken in der unbeheizbaren Kassenhalle, erlebte Gireaudoux' "Undine", Zuckmayers "Des Teufels General", "Wilders "Die kleine Stadt", waren auf Tuchfühlung mit ihren Lieblingen Rudolf Calvius, Cara Gyl, Ruth Beheim, Horst Tappert, ein wenig später Evelyn Matzura, Hans Korte, Witta Pohl - doch, ein wenig Name dropping ist an dieser Stelle durchaus angesagt - und wird an anderer Stelle für das Opernensemble fortgesetzt. War doch Kassel nach dem Kriege lange Zeit das Sprungbrett für die ganz, ganz großen Bühnen, für den Film und später auch fürs Fernsehen. Man schwärmte für sein Ensemble, man pflegte es, man feierte mit ihm. Und einige - taten mehr.

Die Turbulenzen der Nachkriegszeit spülten manch wertvolles "menschliches Strandgut" wenn ich es einmal mit den Worten Friedrich Hollaenders sagen darf, auch an die Ufer der Fulda - vulgo Fulle. Der gebürtige Landshuter Hermann Platiel etwa war mit seiner Frau Nora nach dem Kriege aus erzwungener Emigration nach Kassel gekommen. Zurückgekehrt waren auch Erich und Herta Lewinsky - und damit ist, nimmt man noch Teo Hüpeden dazu, in der Stadtverordnetenversammlung einer der aufgeschlossensten Förderer des Theaters in der neueren Geschichte, Fritz Hoch, Kassels Regierungspräsident ein nimmermüder Kämpfer für die Kasseler Kultur, Anneliese Hartleb, schon der engere Kreis genannt, der die Volksbühne Kassel ihre Gründung und damit diese heutige Jubelfeier verdankt. Im März 1949 ist diese Gründung erfolgt - in einer Zeit somit, in der die meisten deutschen Theater tief in der Krise steckten. Die Währungsreform war es gewesen, die, ein knappes Jahr zuvor, diese Krise wenn nicht ausgelöst so doch wenigstens unmittelbar evident gemacht hatte. Mit der Grundsteinlegung zum Wirtschaftswunder hatte sich in den Verbraucherköpfen eine neue Wertehierarchie etabliert: Mit der guten deutschen Butter, die nun wieder für gutes deutsches Geld reichlich aufs Brot zu schmieren war, schwand allmählich der Hunger nach dem Anstrengenden, dem Anspruchsvollen. Ein voller Bauch studiert nicht gern, lernt der Lateinzögling, weiß der Schlemmer - die Theater mussten mit dieser humanistischen Binsenweisheit ihre bitteren Erfahrungen machen. Dass just in dieser Zeit, mit der Gründung der Kasseler Volksbühne, dem Staatstheater Kassel diese Erfahrung wenn nicht komplett, so doch weitgehend erspart geblieben ist - das ist das zweite Kasseler Nachkriegs-Theaterwunder. Und dieses Wunder ist mit der Volksbühne und hier ganz besonders mit dem Namen und Wirken Hermann Platiels eng verbunden.

Hermann Platiel, der, unter dem Vorsitz von Theodor Hüpeden, der erste Geschäftsführer der Volksbühne wurde, war als engagierter und hochgebildeter Sozialdemokrat mit den Maximen und Reflexionen der Volksbühnenbewegung intim vertraut. Und er verstand es, sie in Theorie und Praxis den Verhältnissen seiner Zeit zu akkomodieren. Zwei Räume im Keller des Klebepalast gegenüber der Komödie waren das erste Domizil der Organisation; hier war sein Reich, hier leistete er unermüdlich pädagogische Arbeit am Einzelnen, ihn ermutigend zum Wagnis, zur Auseinandersetzung mit dem Fremden, Schwierigen, Anspruchsvollen. "Old Fellow", so wurde er liebevoll genannt, konnte sich höchlichst ereifern, wenn eines seiner "Schäfchen" seiner außergewöhnlichen propädeutischen Qualitäten zum Trotz den Kontakt mit der Gegenwartsdramatik standhaft verweigerte und ausschließlich auf der wohlfeilen Berieselung mit leichter Muse bestand. Da konterte er auch schon mal mit der Verteuerung der letzteren, erfand eine Art "interner Vergnügungssteuer", die wiederum der internen Subventionierung des Gegenwartsspielplans zugute kam. Sartre, Beckett, Eliot, Lorca, Thornton Wilder, Christopher Fry, Eugene O'Neill - diese Autoren dominierten den Spielplan in den frühen fünfziger Jahren. Dass dies möglich war, ist zuvörderst Hermann Platiel, zuvörderst der Volksbühne zu danken. 1970 hat der Verein seinen ersten Geschäftsführer mit der Ernennung zum Ehrenvorsitzenden seine tief empfundene Reverenz erwiesen.

Ein paar Zahlen, die ich dem Buch "Theater in Kassel", hier speziell dem kenntnis- und aufschlussreichen Aufsatz von Dr. Hans Joachim Schaefer entnehme, mögen für sich sprechen:

Die Volksbühne führte 1949/50 7157 Besucher ins Theater, 1952/53 waren es 36778 und 1958/59 gar 96258. Sie umfasste am 15. Januar 1959 insgesamt 10200 ständige Mitglieder, davon 6100 Erwachsene und 4100 Jugendliche. Aufschlussreich ist dabei auch die Aufschlüsselung des Kartenkontingents nach Sparten: Bei den erwachsenen Volksbühnenmitgliedern entfallen 32% der ausgegebenen Karten auf die Oper, 22% auf die Operette, dagegen aber 45% auf das Schauspiel mit seinem betonten Problemspielplan. Bei den jugendlichen Volksbühnenmitgliedern entfallen nur 12,9% der Karten auf die Operette, 35,6% auf die Oper, dagegen 50,5% auf das Schauspiel. Dieses ungewöhnliche Publikumsinteresse speziell fürs Schauspiel ist dem segensreichen Zusammenwirken mehrerer Faktoren zu danken: Zum einen, ich wiederhole es gerne noch einmal, dem aufklärerischen Eros Hermann Platiels, zum zweiten der Tatsache, daß seit 1950 ein Mann Dramaturg am Hause wurde, der, eng mit Hermann Platiel befreundet und ein ebenso leidenschaftlicher Verfechter anspruchsvoller Gegenwartsdramatik, die propädeutische Tätigkeit, die jener in den Kellerräumen des Klebepalastes, später am Ständeplatz begonnen hatte, im Theater und vor den Vorstellungen selbst fortsetzte. Die Rede ist von Dr. Hans Joachim Schaefer, der über vierzig Jahre lang dem Staatstheater die Treue hielt. Mit seinem leidenschaftlichen Engagement, seinem ungeheuren Wissensfundus, gleichzeitig der seltenen Beigabe, dieses Wissen plastisch und allgemeinverständlich zu vermitteln, mit seinem geschliffenen Witz und mit seinem Humor, der in prekären Situationen auch einmal zum Galgenhumor werden konnte, ist er für Generationen von jungen Dramaturgen zum Vorbild geworden. Ich selbst verdanke ihm die wesentlichen Erleuchtungen über Ethos und Eros des Dramaturgenberufes, und ich freue mich, heute die Gelegenheit zu haben, ihm dies auch einmal öffentlich mitteilen zu dürfen.

Dr. Schaefer - das erinnere ich noch gut - war ein glänzender Cicerone ins Reich der Gegenwartskunst, durch alle Sparten und Stile hindurch. Von ihm mit den geistigen und geschichtlichen Zusammenhänge eines Werkes vertraut gemacht, stelle ich mir vor, wurde es für die Zuschauer zum Vergnügen, auch kryptische Botschaften zu entschlüsseln, auch die Semiotik neuer, nie gesehener szenischer Lösungen nachzuvollziehen.

Ein weiterer bedeutender Architekt des Theaterwunders der 50er Jahre war der Intendant Dr. Hermann Schaffner, der die Geschicke des Hauses von 1953 bis 1962 leitete, und in dessen Ära der Umzug ins neue Haus am Friedrichsplatz fiel. Und Professor Albert Fischel, der Oberspielleiter des Schauspiels, der eine musterhafte Ensemblepflege betrieb und für die meisten theatralischen Highlights der Epoche sorgte. Troilus und Cressida - Karl Garff erinnert sich heute noch leuchtenden Auges an die grüne Glasscherbe, die Evelyn Matzura, Fischels Kressida, im Bauchnabel trug. So sei ihm, dem damals 16jährigen, Shakespeare nahegekommen - Warten auf Godot, mit Karl Meixner als Wladimir, Hexenjagd mit der Matzura als Abigail, Cocktailparty, Elektra mit Charlotte Kerr in der Titelpartie, Der Trojanische Krieg findet nicht statt mit Ernst von Klippstein - da reihte sich Höhepunkt an Höhepunkt, auch von der überregionalen Presse mit Interesse und großem Respekt wahrgenommen.

Mit dem Auszug aus dem Blauen Saal gab es auch für die Oper, von Hans Georg Rudolf ins Grosse Haus geführt, wieder die Möglichkeit zu größerer Opulenz und kühneren Bühnenlösungen. Auch wenn in dem wenig operngerechten Stadthallenraum zuweilen optisch Aufregendes passierte - man denke etwa an den Rosenkavalier in gesponserter Fallschirmseide - auf die Dauer wirkten die Zwänge der Enge für szenische Lösungen doch kontraproduktiv. Die Sänger indes waren erstklassig: Gerda Lammers, die mit der Partie der Marie im "Wozzeck" debutierte, Elfriede Podhajecky, die junge Margarete Ast, die von der Staatsoper Hamburg gewonnen werden konnte, Willy Domgraf-Faßbänder, Egmont Koch, Kurt Söhning - Namen, die in denen, die sie und ihr Wirken gekannt haben, freudvolle, vielleicht mit ein wenig Wehmut versetzte Erinnerungen wecken. Sehen Sie mir Lücken in der Aufzählung der damaligen Stützen des Ensembles nach, füllen Sie diese Lücken bitte mit ihren je eigenen Assoziationen. Das können Sie als Zeugen dieser Zeit viel besser als ich.

Eine Stütze allerdings will ich noch erwähnen, einen Fixstern am Kasseler Musiktheaterhimmel, der noch heute die Arbeit und die Feste der Volksbühne mit großer Anteilnahme verfolgt: Rudolf Ducke, der 1940 als Chordirektor und Kapellmeister nach Kassel kam. 37 Jahre blieb er, wirkte in allen Sparten: Große Oper, Spieloper, Operette, Ballett, Musical, Schauspielmusik, Sinfonie- und Chorkonzert. Ein feinsinniger Liedbegleiter, der auch heute noch gelegentlich und mit Verve in die Tasten greift, wenn eine Sängerin ihn spontan darum bittet, wie neulich geschehen anläßlich der Verleihung des Volksbühnenpreises an Joke Kramer. Ein Vollblutmusiker ist er geblieben. Eine Integrationsfigur in der häufig ihr Gesicht verändernden Kasseler Theaterlandschaft. Solche Figuren braucht das Theater.

Lassen Sie uns nun von den opulenten Theaterräumen wieder zurückkehren in die weit weniger opulenten der Volksbühne am Ständeplatz. Wir schreiben das Jahr 1960, die Volksbühne hat 12000 Mitglieder und steht damit vom quantitativen Aspekt her auf dem Zenit ihres Erfolges. Schon gibt es auch die sich noch immer großer, ja steigender Beliebtheit erfreuenden Theaterexkursionen in andere Städte. Bisweilen gibt es auch Querelen, wie eine Mitteilung in eigener Sache im Theaterzettel für die Mitglieder der Volksbühne zeigt:- jawohl, so etwas gab es einmal, bis dem Theater diese Zettel als Konkurrenz für die hauseigenen Programmhefte erschienen und es ihre Abschaffung nahe legte - Ich zitiere Originalton Volksbühne:

"Nachlässigkeit in der Abholung der Theaterkarten bringt uns häufig in große Verlegenheit, da wir die Karten für geplante Vorstellungen nicht rechtzeitig absetzen und geschlossene Vorstellungen nicht füllen können, die Pauschalsumme aber doch bezahlen müssen. Diszipliniertes Verhalten der Mitglieder erleichtert und verbilligt letztenendes die notwendige Verwaltungstätigkeit. Verschieben Sie daher den Theaterbesuch nicht wie eine lästige Vereinspflicht!" Mahnende Worte von damals - heute sind sie vermutlich von der Zeit und der Disziplin der Mitglieder überholt.

1960, immer noch. Noch immer führt Hermann Platiel die Geschäfte der Volksbühne. Ein ganz junges, theaterbegeistertes Mädchen verdingt sich bei ihm in der Geschäftsstelle und will das Business von der Pike auf lernen. Das tut sie auch, zum Glück für die Volksbühne bei dem besten Lehrmeister, der in dieser Branche denkbar ist. Das Mädchen heißt Helga Braun. 1961 hat sie den Umzug vom Ständeplatz in die heutigen Räume der Volksbühne miterlebt. 1962 hat Hermann Platiel die Geschäfte in die Hände von Christa Naumann gelegt, die sie bis 1967 innehatte. Dieses Interimskapitel würde ich mir jetzt, von Kairos, dem Gott des rechten Augenblicks gelenkt, im Sinne meiner Vorrede weiträumig zu umschiffen erlauben und wieder das Jahr 1967 ansteuern wollen, wo die Volksbühne in Frau Braun, noch einmal von Hermann Platiel intensiv auf ihre Aufgabe vorbereitet, ihr Amt als Geschäftsführerin der Volksbühne antrat, das sie bis zum heutigen Tage innehat. Ihr Name und ihr Werdegang bürgt für Kontinuität, für die Wahrung des hohen mit dem Namen Hermann Platiels verbundenen Anspruchs. Noch immer steht die individuelle Beratung der Mitglieder im Mittelpunkt der Bemühungen der Geschäftsstelle; mit Frau Braun, Frau Fiebig und Herrn Heusinger von Waldegge steht den Mitgliedern ein engagiertes, gut eingespieltes Team zur Verfügung.

Das Jahr 1966 - der Vorsitz der Volksbühne e.V. obliegt mittlerweile Jochen Botschkowski - markiert im Theater einen spektakulären Neubeginn. Nach der Intendanz von Dr. Günther Skopnik, der vor allem durch das Engagement Christoph von Dohnaniys als Generalmusikdirektor in Erinnerung geblieben ist, schickt sich nun Ulrich Brecht an, die Geschicke des Theaters zu leiten. Sein Oberspielleiter der Oper wird Ulrich Melchinger, der des Schauspiels Dr. Kai Braak. Eine in allen Sparten bedeutsame, schillernde Theaterepoche nimmt ihren Anfang. Kassel wird wieder einmal ein Fokus, auf den die Theaterwelt sich richtet: Im großen Haus wirkt der begnadete Opernregisseur, dessen Wagnerinszenierungen im Team mit dem Bühnenbildner Thomas Richter Forgach stilbildend für die ganz großen Häuser werden - der Begriff "Kasseler Stil" geistert respektvoll bewundernd durch die überregionalen Gazetten und Fachzeitschriften. Sein Rosenkavalier, sein Fidelio sind ebenfalls Marksteine in der Kasseler Operngeschichte. Eine Ausnahmeerscheinung auf der Opernbühne, mit dem ich, als Dramaturgieanfängerin, noch die Ehre und Freude hatte, in Freiburg eine Inszenierung zu gestalten, wo sich sein Lebensweg früh, all zu früh vollenden sollte.

Melchingers GMD, Gerd Albrecht, erwies sich als kongeniale, mittragende Säule seiner Inszenierungstätigkeit. Er führte außerdem die Sonntagskonzerte ein, ein Novum im musikalischen Bereich, die sich bis heute großer Beliebtheit auch beim jungen Publikum erfreuen.

Und auch im Schauspielhaus passierte ein Theater, das erregte, das aneckte. Das sogar die große Diplomatie auf den Plan rief, wie 1967, anlässlich der Uraufführung von Armand Gattis Stück "General Francos Leidenswege", die eine Intervention des spanischen Diktators beim auswärtigen Amt in Bonn zur Folge hatte. Dem damaligen Generalstaatsanwalt in Hessen, Fritz Bauer, ist es zu danken, dass die Freiheit der Kunst auch in dieser prekären Situation gewahrt bleiben konnte. Zu erinnern ist auch an Niki de St. Phalles skandalonerregende Lysistrata-Ausstattung: ein monumentaler Frauentorso auf der Bühne markiert die Burg von Athen, in und aus allen Öffnungen entweichen die Darsteller oder versuchen einzudringen, je nach Motivation, die Herren sind knapp jenseits der Leibesmitte den Maßen des Frauentorsos entsprechend annähernd monumental ausgestattet - körbeweise erreichen Drohbriefe die Intendanz. Und noch eine Theateranekdote möchte ich Ihnen erzählen - sie ist weitgehend unbekannt, hat aber eine Ihnen wohlbekannte Mittelpunktsfigur: Hermann Platiel. Als, im Jahr 1968, der junge Regisseur Dieter Bitterli Arabals Stück "Zeremonie für einen ermordeten Neger" als Uraufführung inszeniert, ist er auf der Suche nach einem schwarzen Darsteller. Auf der Straße sieht er von ferne den "Richtigen" - aber wie ist der "Richtige" zu engagieren? Hermann Platiel weiß die Lösung: Er vermittelt den Kontakt zum Headquarter in Wabern, wo dieser Richtige auch tatsächlich als GI stationiert ist. Platiel und Bitterli werden von der US Army nach Wabern eingeladen, und Elmo Williams, so heißt der "Richtige", wird formvollendet abkommandiert, zwecks Völkerverständigung im Staatstheater Kassel zu spielen. Auch in Besetzungsfragen, Sie sehen es, hat die Volksbühne damals entscheidend mitgewirkt ...

Dennoch ging es, just in dieser großen Theaterzeit, mit der Volksbühne dramatisch bergab. Das lag nicht an der Qualität des auf der Bühne Gebotenen, und schon gar nicht an der mangelnden Akzeptanz der theatralischen Wagnisse seitens der Mitglieder. Die Theaterverwaltung, 1966 von Walter Olbrich übernommen, legt der Besucherorganisation unüberwindbare Hindernisse in den Weg. Nur geschlossene Vorstellungen seien fürderhin abzunehmen, so lautet das Diktat des neuen Verwaltungsdirektors. Ein Diktat, das nicht nur utopisch war, sondern auch im Geist den Maximen der Volksbühne widersprach. Die Wahlfreiheit musste bei diesem neuen System auf der Strecke bleiben. Mit dem Status des mündigen Theaterbürgers war es vorbei. Nur folgerichtig, dass die mündigen Mitglieder auf dieses Diktat mit zahlreichen Austritten reagierten. Da half es denn wenig, dass Olbricht nach zwei Spielzeiten einlenkte und, mit dem Einräumen immer kleiner werdender Kontingente, den Bedürfnissen des Vereins salamitaktikartig entgegenkam. Einbrüche sind schnell herbeizuführen. Wiederaufbauarbeit ist schwer. Das gilt im übrigen nicht nur für die Volksbühne. Das gilt auch für die andere Seite.

Auf Ulrich Brecht, der Kassel in Richtung Düsseldorf verließ, dort freilich nie an seine hiesigen Erfolge anknüpfen konnte, folgte als Intendant Dr. Peter Löffler. Melchinger blieb ihm bis 1976 erhalten, als GMD stand ihm James Lockhart zur Seite, die Schauspieldirektoren wechselten rasch: Ballhausen, Hagen Müller-Stahl, Dieter Reible. 1980 begann Signor Gian Carlo del Monaco seine kurze Regentschaft, mit Woldemar Nelsson am Dirigierpult und Dietmar N. Schmidt, später Bernd Leifeld im Schauspiel. 1983 dann: Manfred Beilharz, der dem Theater wieder einen großen Aufschwung bescherte, mit betont publikumsnahem, zirzensischem Theater, der Gründung des tif, der exquisiten Adresse für experimentelles Theater, von der Volksbühne gerne angenommen In der Oper ist Sigi Schönbohms opulenter "Ring", unvergessen, das Wirken der Regisseure Peter Mussbach, dessen Mozart-Zyklus ihn für die ganz, ganz großen Bühnen disponiert hat, und Herbert Wernicke, der hier, mit den Intermedien und Phaeton, eine aufsehenerregende Auseinandersetzung mit der musikalischen Welt der Renaissance eröffnet hat.

Im Schauspiel, das kollektiv geleitet wurde, ist mir persönlich besonders Valentin Jekers Inszenierung von "Frühlings Erwachen" in Erinnerung, mit der wunderbaren Ausstattung Bernd Holzapfels, der die Kinderperspektive sinnfällig optisch und taktil umgesetzt hat, "Lenas Schwester", eine Uraufführung von Gundi Ellert, ein sperriges Stück, inszeniert von Frank Hoffmann und dank der Nachfrage der Volksbühne wenigstens ein halbherziger Publikumserfolg, Peter Sieferts "Der Sandmann", eine Bearbeitung von E.T.A. Hoffmanns Novelle für das Tif, Heinz Kreidls Lars Noren-Zyklus, in weiten Teilen ebenfalls in der kleinen Spielstätte realisiert, die sich immer mehr als Geheimtip für gewagte Theaterformen und -inhalte erweisen sollte. Von 1986 bis 1993 war ich selbst als Dramaturgin am Staatstheater engagiert - das erklärt vielleicht eine gewisse Befangenheit, was die Wertung jener Jahre angeht. Mit der Aufzählung von Highlights möchte ich daher an dieser Stelle aufhören. Aber an einer Stelle bin ich unbefangen. Sie betrifft meine tiefe Verehrung der wundervollen Koloratursopranistin Yuko Kamahora. Ihre Königin der Nacht, ihre Rosina, ihre Zerbinetta werden mir unvergesslich bleiben.

Manfred Beilharz ist nach Bonn gegangen, sein Nachfolger wurde Michael Leinert. Und gleichzeitig wurde im Theater ein Problem evident, mit dem keiner gerechnet hatte: Das Asbestproblem, das eine ausgedehnte Odyssee von Ersatzspielstätte zu Ersatzspielstätte zur Folge hatte. Das tif wurde vorübergehend zum Hauptschauplatz schauspielerischen Geschehens - ein kurzes Hoch, bevor ihm nach der Wieder-Etablierung der Sparten in ihren Stammhäusern das endgültige Aus drohte. Dem Engagement der Volksbühne, das sich, wie sich das gehört, in einer regen Kartennachfrage für die bedrohte Spielstätte äußerte, hat da kräftig mitgeholfen, das Schlimmste zu verhindern. Allein 3800 Karten für das tif hat die Besucherorganisation in der letzten Spielzeit veräußert. Das sind nahezu vierzig ausverkaufte Vorstellungen!

Wir sind, meine sehr geehrten Damen und Herren, nahezu in der Gegenwart angelangt. Gestatten Sie mir einen kurzen Schlenker zurück, bevor ich einen kleinen Ausblick in die Zukunft wagen und gleichzeitig einen Appell an die künftige Theaterleitung loswerden möchte: 1995 hat Rolf Dieter Kißing den höchst verdienstvollen Otto Dockhorn als Vorsitzender der Volksbühne abgelöst, der dieses Amt seinerseits 1989 von Klaus Bechmann übernommen hatte. Zu den Innovationen der neuen Ära gehört zum ersten die alljährliche Verleihung des Volksbühnenpreises an verdienstvolle Mitglieder des Staatstheaters, erstmalig vergeben 1996 an den Schauspieler Herwig Lucas, zum anderen die Anregung eines eigenen Veranstaltungsprogramms, als dessen künstlerische Leiterin mich die Volksbühne erkoren hat. Ein Amt, das herausfordert und befriedigt - zumal die Sonderprogramme sich großer Beliebtheit und eines kundigen, äußerst gebildeten und emphatischen Publikums erfreuen, was von den gastierenden Künstlern immer wieder begeistert als Rückmeldung an mich herangetragen wird. Die Gelegenheit, Ihnen diese Rückmeldung einmal weitergeben zu können, möchte ich heute nicht versäumen wahrzunehmen.

Meine Damen und Herren, wir sind am Ende unserer launigen kleinen Kreuzfahrt durch 50 Jahre Volksbühne, 50 Jahre Theater in Kassel, geleitet von unserem munteren Steuermann Kairos, angelangt. Land in Sicht! Und, als Ausblick und Appell an die neue Theaterleitung zugleich: Die Volksbühne Kassel e.V. mit ihren zur Zeit etwa 3500 Mitgliedern ist nicht nur Kunde, sondern weit mehr: sie ist Partner, auch und gerade in schwierigen, in turbulenten, in künstlerisch wagnisreichen Zeiten. "Denn das Wagnis ist schön!" ist ein berühmt gewordener Ausspruch des griechischen Philosophen Sokrates. Nur das Wagnis ist schön. Die Volksbühne ist zu jedem Wagnis bereit. Es ist nur eine Frage der Kommunikation.

Liebe Volksbühne, ich gratuliere Dir herzlich zu deinem 50. Geburtstag!

 

Aktuelle Ergänzungen

Juli 2003

Frau Helga Braun ist in den verdienten Ruhestand gegangen und übergibt die Geschäftsleitung der Volksbühne Kassel e.V. in die Hände von Dieter Ziermann. Ihm zur Seite steht Frau Renate Brandau-Ellhof als Mitarbeiterin. Den Vorsitz im Verein hat seit 2001 Herr Bernhard Schulze, stellvertretender Vorsitzender ist Herr Horst Bubenik.

 

Juni 2004

Nach schwerer Krankheit stirbt Dieter Ziermann. Neuer Geschäftsführer wird Dipl. Oec. André M. Busse.

 

Februar 2005

Auf der Jahreshauptversammlung wird Hans-Joachim Mayer zum neuen 1. Vorsitzenden gewählt, Horst Bubenik zum 2. Vorsitzenden, Susanne Falk zur 3. Vorsitzenden.

 

September 2005

Frau Stefanie Kania beginnt Ihre Ausbildung zur Bürokauffrau in der Geschäftsstelle der VolksBühne.

 

Februar 2008

Herr Jürgen Fechner wird von der Mitgliederversammlung zum neuen 1. Vorsitzenden gewählt. Sein Stellvertereter wird Herr Knut Hoffmann.

 

Februar 2009

Herr Joachim Rolle wird auf der Jahrehauptversammlung zum Schatzmeister gewählt.

 

April 2009

60. Jubiläum der VolksBühne Kassel e.V..